Hier erfahren Sie mehr zu unserem nächsten Projekt Vers la flamme.
Die Seite wird fortlaufend ergänzt, daher schauen Sie doch bis zum Konzert immer mal wieder vorbei.
Der Mensch im Univsersum
Im unendlich weiten Bogen der Entwicklung des Universums und der Materie ist die Geschichte der Menschheit ein Augenblick, ein Wimpernschlag.
Wir Menschen schaffen Kulturen, gestalten individuelle Lebensläufe, denken, rennen, schlafen, bauen und zerstören, erleben Glück und Leid. Und innerhalb des kurzen Aufscheinens der Menschheit versuchten und versuchen wir, das für uns Unfassbare zu erkunden und zu benennen. Wir tasten uns hinaus in schwindelerregende Weiten. Und doch bleiben unsere Sprache und unsere Bilder, mit denen wir Fragen formulieren und unsere Erkenntnisse aufzeichnen, gebunden an unsere Endlichkeit; der Weite des Bogens nicht gewachsen.
Das Wort «unendlich» beispielsweise, das wir in diesem Zusammenhang gerne verwenden, deutet an, dass vor dem Anfang etwas war und nach dem Ende etwas sein wird. Kathrin Altwegg sagt jedoch zum Big Bang: «Was war vorher? Was war aussendran? Zeit und Raum gibt es nur, wenn es Materie gibt. Die Fragen nach dem Vorher und dem Aussendran sind also falsch. Ohne Raum und Zeit machen sie keinen Sinn.» Das verstehen wir (vielleicht) theoretisch, aber übersteigt es nicht unsere Vorstellungskraft?
Wie viel Glück braucht es, damit es uns gibt?
Referat von Kathrin Altwegg: https://www.youtube.com/watch?v=4ZPjjqxThgw
Von der Idee zum Konzept (Davide Fior)
Die Idee zu Vers la flamme
Die Schöpfung von Joseph Haydn ist ein absolutes Meisterwerk der Musikgeschichte. Ein spektakuläres Oratorium, reich an Farben und Energie, mit einer musikalischen Sprache, die ausserordentlich zugänglich und niemals banal ist. Gleichzeitig handelt es sich um ein anspruchsvolles Werk, technisch komplex und virtuos.
Im Jahr 2024 wurde der Zuger Chor cantori contenti zusammen mit dem Luzerner Vokalensemble Der Chor vom Stadtorchester Luzern eingeladen, Die Schöpfung im KKL Luzern gemeinsam aufzuführen. Die Erfahrung war musikalisch wie menschlich sehr positiv und intensiv. So kam im Chor der Wunsch auf, diese wunderbare Musik ein weiteres Mal und nach Möglichkeit im Kanton Zug erklingen zu lassen. Aus finanziellen Gründen war eine erneute Aufführung mit Orchester und Solist:innen nicht möglich. So entstand die Idee, einzelne Chorsätze herauszulösen und sie mit Klavierbegleitung aufzuführen und zudem das Programm mit weiteren Werken zu ergänzen.
Die Schöpfung vertont eine uralte, über Jahrtausende überlieferte Erzählung. Der Text beschreibt den Ursprung der Welt als eine Abfolge von Erscheinungen: Zuerst war Leere, dann eine formlose Masse; zuerst war Dunkelheit, dann war Licht. Sie präsentiert weder physikalische Gesetze noch mathematische Formeln.
Der Mensch, der im späten 18. Jahrhunderts ein auf der Bibel basierendes Gedicht verfasste, und der Mensch, der daraus ein spektakuläres Oratorium komponierte, sie beide lebten in einer Welt, die sich grundlegend von jener der nomadischen nahöstlichen Stammesgemeinschaft unterschied, aus der die Erzählung hervorgegangen ist.
Der Mensch, der im Jahr 2024 die Partitur zur Hand nimmt, um das Werk aufzuführen, lebt in einer nochmals veränderten, durchmischten Welt, geprägt von Technologien und Wissenschaft, die sich mit rasender Geschwindigkeit entwickeln. Richten wir heute den Blick zum Himmel, sehen wir leuchtende Pünktchen, so wie die Menschen seit Hunderttausenden von Jahren. Jedoch dank der Technologie mit dem Bewusstsein, dass es sich bei den meisten davon um Galaxien mit Milliarden von Sternen handelt. Wir wissen, dass dieses Licht seit Milliarden von Jahren unterwegs ist und dass der Blick auf diese Lichtpunkte in Wahrheit eine Zeitreise ist.
Musik und Wissenschaft
Was denken Menschen im Jahr 2026, wenn sie Haydns Schöpfung aufführen oder hören? Es ist schwierig, darauf eine Antwort allein mittels Chormusik zu geben. So kontaktierten wir Kathrin Altwegg, Professorin für Astrophysik an der Universität Bern, in der Hoffnung, sie für eine Zusammenarbeit zu gewinnen. Kathrin Altwegg ist eine aussergewöhnliche Wissenschaftsvermittlerin; ihr Kommunikationsstil ist kompetent und zugleich auch für ein Publikum ohne naturwissenschaftlichen Hintergrund gut zugänglich, stets bereit, ein Lächeln hervorzurufen oder eine tiefere Reflexion anzustossen. Ihre Mitwirkung wurde zu einem Meilenstein des Projekts und persönlich zu einer grossen Ehre.
Texturen – die Videoinstallationen
Es war sehr bereichernd, auf eine so kluge und reflektierte Persönlichkeit wie Martin Riesen zu treffen. Er bringt mit seiner Videoinstallation eine anregende und sehr sinnliche Dimension ein.
Seine Bilder rahmen das ganze Programm. Sie verbinden die Musik und das gesprochene Wort und erweitern gleichzeitig den Erfahrungsraum fürs Publikum.
Es gibt Strukturen im Universum, die wir auf verschiedenen Ebenen als ähnlich erkennen, vom Makro- bis zum Mikrobereich. So erkennen wir Analogien zwischen dem Sonnensystem und der Struktur eines Atoms. Oder wir betrachten die Ansammlungen von Galaxien im Universum und erkennen filamentartige Strukturen wie in einem biologischen Gewebe. Von solchen Analogien erzählen die Bilder der Videoinstallation. Und so sind Texturen – neben der Musik und dem gesprochenen Wort – unsere dritte Dimension.
Entropie und die Schönheit der Welt
Der Kosmos (griechisch: Ordnung) bewegt sich unaufhaltsam und unumkehrbar in Richtung Chaos (griechisch: Unordnung) – vielleicht jenes Chaos, das Haydn selbst vor die Schöpfung stellt mit seiner Ouvertüre Die Vorstellung des Chaos. Es ist diese Einbahnstrasse, die wir Universum nennen. Der Grad der Unordnung eines Systems wird gemessen mit der Masseinheit Entropie, die dem letzten Kapitel des Konzerts den Titel gab.
Der Homo Sapiens entwickelte Technologien zur Erforschung und Manipulation des Universums, die uns erlauben, die Schöpfung fasziniert zu betrachten. Und er schuf zugleich Waffen, die in der Lage sind, seine Biosphäre innerhalb weniger Stunden zu zerstören. Sind wir eine auserwählte Spezies, der alles zusteht? Künstliche Intelligenz, Veränderung des Klimas … Sind wir Menschen womöglich zu einer Komplexität gelangt, die unsere eigene Natur verrät? In einer Welt, in der selbst dieser Anker zu wanken beginnt: Wie lässt sich Haydns Schönheit der Schöpfung noch singen?
Eine mögliche Antwort, die im Programm angedeutet wird, ist die persönliche Verantwortung. Es ist eine Tatsache, dass wir in einer stürmischen historischen Phase leben – auf sozialer, politischer, wirtschaftlicher und ökologischer Ebene. Es ist an jedem einzelnen Menschen zu entscheiden: Will ich mich von den Stürmen treiben lassen, oder widme ich mich der Suche nach dem Schönen, dem Aufbau von Schönheit? Die Schönheit der Musik ist dafür ein Zeugnis.
Vers la flamme (Davide Fior)
Es ist Nacht. Absolute Nacht. Die totale Finsternis verschlingt alles, sogar die Bilder unseres visuellen Gedächtnisses – als hätte es das Licht nie gegeben. Als hätten wir nie ein anderes menschliches Gesicht gesehen, eine Rose, ein feuchtes Stück Erde. Die Materie wird unkenntlich, Zeit und Raum werden un-unterscheidbar. Alles mischt sich zu einer unerklärlichen, unbeschreiblichen, unerforschbaren, unvorstellbaren Singularität. Einer Unmenschlichen. Wir sind vor dem Urknall. Aber wir sind auch nicht, denn Sein hat keinen Sinn. Und auch das Vorher nicht. Wir schweben, unendlich und ohne ein Aussen, in einer zeitlosen Ewigkeit.
An einem gewissen Nicht-(Zeit)Punkt geschieht das wohl Unspektakulärste, was geschehen kann: eine Explosion ohne Bumm, nicht das Knistern eines Popcorns, kein Aufleuchten, nicht einmal der Blitz einer Wegwerfkamera. Es ist der Big non-Bang. Die Zeit setzt ein. Die Zeit beginnt zu existieren. In unvorstellbar kleinen Sekundenbruchteilen befinden wir uns in einer Kugel von Milliarden Grad Temperatur, die sich mit unsagbarer Geschwindigkeit ausdehnt. Es ist das stumme Ende der Singularität. Es ist der Beginn des Uni–versums: der Einbahnstrasse, auf der der Kosmos (die Ordnung) dem Chaos (der Unordnung) entgegengeht. Physiker nennen sie Entropie.
Die Faszination und das Schwindelgefühl vor dem hochkomplexen Konstrukt des Universums mit seinen gigantischen Phänomenen sind das Leitmotiv des multidimensionalen Konzerts.
Der visuelle rote Faden beleuchtet aus verschiedenen Perspektiven die vielen Facetten eines Musikprogramms im Dialog mit der Wissenschaft. Die Betrachtung der Schöpfung in Haydns gleichnamigem Meisterwerk tritt in Austausch mit unterschiedlichen philosophisch-musikalischen Strömungen zwischen Romantik und Gegenwart und entfaltet eine Erzählung vom Urknall über die Entstehung des Lebens und des Menschen auf der Erde bis hin zur heutigen komplexen und dramatischen, weltweiten Lage.
Skrjabin komponierte «Vers la flamme» in der Überzeugung, unser Planet werde in Flammen vergehen – was tatsächlich in Milliarden Jahren geschehen wird, wenn die
Sonne zu einem Roten Riesen wird und die Erde verschlingt. Und doch bedroht uns heute wie nie zuvor eine vorzeitige Flamme: eine Selbstentzündung, die jederzeit einsetzen könnte und die in der
Uraufführung einer Komposition von Matteo Magistrali ihren Ausdruck findet. Die Flamme ist also Quelle des Lebens, Instrument von Zivilisation und Fortschritt, Licht der Hoffnung und des Gebets,
planetare Zerstörung und Wiedergeburt des Phönix in einem. Mit ihr lässt sich symbolisch die gesamte menschliche Existenz zusammenfassen. Es liegt an uns zu entscheiden, auf welcher Seite der
Flamme wir stehen.
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