Vers la flamme

 

Es ist Nacht. Absolute Nacht. Die totale Finsternis verschlingt alles, sogar die Bilder unseres visuellen Gedächtnisses – als hätte es das Licht nie gegeben. Als hätten wir nie ein anderes menschliches Gesicht gesehen, eine Rose, ein feuchtes Stück Erde. Die Materie wird unkenntlich, Zeit und Raum werden un-unterscheidbar. Alles mischt sich zu einer unerklärlichen, unbeschreiblichen, unerforschbaren, unvorstellbaren Singularität. Einer Unmenschlichen. Wir sind vor dem Urknall. Aber wir sind auch nicht, denn Sein hat keinen Sinn. Und auch das Vorher nicht. Wir schweben, unendlich und ohne ein Aussen, in einer zeitlosen Ewigkeit.

An einem gewissen Nicht-(Zeit)Punkt geschieht das wohl Unspektakulärste, was geschehen kann: eine Explosion ohne Bumm, nicht das Knistern eines Popcorns, kein Aufleuchten, nicht einmal der Blitz einer Wegwerfkamera. Es ist der Big non-Bang. Die Zeit setzt ein. Die Zeit beginnt zu existieren. In unvorstellbar kleinen Sekundenbruchteilen befinden wir uns in einer Kugel von Milliarden Grad Temperatur, die sich mit unsagbarer Geschwindigkeit ausdehnt. Es ist das stumme Ende der Singularität. Es ist der Beginn des Uni–versums: der Einbahnstrasse, auf der der Kosmos (die Ordnung) dem Chaos (der Unordnung) entgegengeht. Physiker nennen sie Entropie.

Die Faszination und das Schwindelgefühl vor dem hochkomplexen Konstrukt des Universums mit seinen gigantischen Phänomenen sind das Leitmotiv des multidimensionalen Konzerts, das die cantori contenti Zug nach einer Idee und unter der Leitung von Davide Fior auf­führen – mit besonderer Mitwirkung der Berner Astrophysikerin und Weltraumforscherin Kathrin Altwegg. Die Projektionen von Martin Riesen und Lukas Meier verbinden verschiedene visuelle Texturen mit den strukturellen Elementen der Kirche St. Johannes in Zug; sie suchen nach Verknüpfungen, Beziehungen und Bedeutungen zwischen sich wiederholenden Mustern, fast wie in einem Fraktal.

Der visuelle rote Faden beleuchtet aus verschiedenen Perspektiven die vielen Facetten eines Musikprogramms im Dialog mit der Wissenschaft. Fast unausweichlich ist die Aufführung von Auszügen aus Haydns „Die Schöpfung“, in einer Klavierfassung mit Ewa Leszczyńska am Flügel. Die Betrachtung der Schöpfung in diesem Meisterwerk tritt in Austausch mit unterschiedlichen philosophisch-musikalischen Strömungen zwischen Romantik und Gegenwart (u. a. Komponisten: Schumann, Boulanger, Bartók, Gjeilo, Ešenvalds) und entfaltet eine Erzählung vom Urknall über die Entstehung des Lebens und des Menschen auf der Erde bis hin zur heutigen komplexen und dramatischen, weltweiten Lage.

Skrjabin komponierte Vers la flamme in der Überzeugung, unser Planet werde in Flammen vergehen – was tatsächlich in Milliarden Jahren geschehen wird, wenn die Sonne zu einem Roten Riesen wird und die Erde verschlingt. Und doch bedroht uns heute wie nie zuvor eine vorzeitige Flamme: eine Selbstentzündung, die jederzeit einsetzen könnte und die in der Uraufführung einer Komposition von Matteo Magistrali ihren Ausdruck findet. Die Flamme ist also Quelle des Lebens, Instrument von Zivilisation und Fortschritt, Licht der Hoffnung und des Gebets, planetare Zerstörung und Wieder­geburt des Phönix in einem. Mit ihr lässt sich symbolisch die gesamte menschliche Existenz zusam­menfassen. Es liegt an uns zu entscheiden, auf welcher Seite der Flamme wir stehen.

 


 Zur Aufführung kommen diverse Werke von der Romantik bis in die Neuzeit mit  Uraufführung. 

 

Programm 

Béla Bartók (1881-1945)  Klänge der Nacht

Joseph Haydn (1732-1809)  Im Anfang schuf Gott – nun schwanden 

Urmas Sisask (1960-2022) Aus Gloria Patri: Laudate Dominum 

Lili Boulanger (1893-1918)  Hymne au soleil 

Joseph Haydn (1732-1809) Stimmt an die Seiten 

Joseph Haydn (1732-1809) Vollendet ist das grosse Werk 

George Crumb (1929-2022) The night in Silence under many a Star

Robert Schumann (1810-1856) An die Sterne (doppelchörig)

Joseph Haydn (1732-1809) Singt dem Herren alle Stimmen

Ēriks Ešenvalds (*1977) Stars 

Urmas Sisask (1960-1922) Aus Gloria Patri: Oremus

Uraufführung Matteo Magistrali (*1980) Visions

Alexander Nikolajewitsch Skrjabin (1872-1915) Vers la flamme, Op. 72 

Ola Gjeilo (*1978) Across the vast, eternal sky

Frank Ticheli (*1958) Earth song         

 

Dauer ca. 90 Minuten                                       


Mitwirkende

 

Chor cantori contenti 

Davide Fior

Davide Fior dirigierte zahlreiche Vokal- und Instrumentalensembles, unter anderem das Orchestra of Europe, die Südwestdeutsche Philharmonie Konstanz, die Barock-Ensembles Il Falcone und Camerata Giocosa, Pro Coro Canada, den Kammerchor Varese, den Chor und das Orchester der Hochschule für Musik Trossingen, wo er Schlagtechnik und Chorleitung unterrichtet hat.

Davide Fior zeichnet sein breites stilistisches Interesse aus: Er dirigierte grosse chor-sinfonische Werke und pflegt mit gleicher Leidenschaft das geistliche und weltliche 
A-cappella-Repertoire, das er mit dem Chor cantori contenti Zug und mit capriccio vocale 
aus Zürich regelmässig aufführt.  Besondere Aufmerksamkeit widmet er der zeitgenössischen Musik.  www.davidefior.net

 

Ewa Leszczyńska 

Die polnische Pianistin und Sängerin studierte Klavier an der Musik­akademie Danzig bei Jerzy Sulikowski und Gesang am Conservatorio Giuseppe Verdi in Mailand bei Margaret Hayward. Als Pianistin konzertierte sie mit Ewa Marciniec, Gianluca Buratto, Łukasz Hajduczenia u. a. und trat mit Ensembles wie Arte dei Suonatori, Musica Florea und dem Royal Baroque Ensemble auf. Sie war Gast bei Festivals in Polen, Österreich, Italien, der Schweiz und den USA. Besonderes Renommee erlangte sie durch ihre seltene Spezialisierung, Kunstlieder gleichzeitig zu singen und zu spielen, wodurch sie Stimme und Klavier zu einer Einheit verschmelzen lässt.

 

Kathrin Altwegg

Als Schweizer Astrophysikerin und Weltraumforscherin mit viel Erfahrung ist Kathrin Altwegg sozusagen per Du mit dem Universum. Häufig als ein-zige Frau in der Männerdomäne von Physikern durchlief sie eine eindrucksvolle Karriere, auf deren Höhepunkt die Projektleitung für die Entwicklung des Massenspektrometers ROSINA innehatte. 

In der Weltraumforschung, so erklärte sie in einem Interview, gehe es um Fragen über das Leben, woher es komme und was danach sei. Mit zunehmender Erfahrung sei ihr bewusst geworden, dass wir Menschen eine Verantwortung tragen. In ihren Vorträgen versteht es die assoziierte Professorin aus Bern ausgezeichnet, komplexe Zusammenhänge verständlich und auch unterhaltsam zu präsentieren. 

  

Videoprojektionen: Martin Riesen und Lukas Meier

Martin Riesen ist bildender Künstler und Videotechniker mit einer großen Leidenschaft für immersive Kunsterlebnisse. Spezialisiert auf TouchDesigner und Unreal Engine ist Martin Experte darin, kreative Ideen in fesselnde visuelle Realitäten umzusetzen. Von der Konzeption bis zur finalen Umsetzung betreut er jeden Aspekt des Prozesses und stellt sicher, dass jedes Projekt eine nahtlose Verschmelzung von Kunst und Technologie darstellt. Seine Arbeit erweckt dynamische, interaktive und visuell beeindruckende Erlebnisse zum Leben.

Lukas Meier, selbstständiger Grafik-, Video- und Animationsdesigner, lieferte für die Projektionen in diesem Projekt spannendes neues Bildmaterial, das er unter anderem aus Drohnenaufnahmen eindrucksvoller Landschaften in Argentinien gewann.